Interview mit Madame Charlotte

Im Rahmen der Kunstausstellung „Soft People“ von Philipp Kremer wurde Madame Charlotte vom Kunstverein Langenhagen zu einem Interview mit dem Format „naheliegende Berufe“ eingeladen und gibt einen Einblick in die Tätigkeit, aber auch die psychische Sichtweise einer Domina.

PV: Wieso fanden Sie unsere Einladung zum Gespräch interessant?

Erst einmal habe ich mich mit dem Künstler Philipp Kremer auseinandergesetzt. Mir ging es um die Botschaft, die Kremer mit „ Soft People“ transportieren möchte und natürlich um die Person Philipp Kremer an sich. Dabei konnte ich nur mit den mir zur Verfügung gestellten Informationen arbeiten. Kunst, Kultur, Musik und Sexualität bilden für mich eine Symbiose, denn sie fokussieren Emotionen.

PV: Welche Rolle spielen Dominanz und ungleiche Machtverhältnisse für Sie?

Ungleiche Machtverhältnisse begegnen uns im Alltag. Jeden Tag aufs Neue. Im sexuellen Kontext ist es für mich ein nicht wegzudenkender Teil meiner Sexualität, der sich auch in meiner Persönlichkeit manifestiert hat, wobei Dominanz für mich nicht lautes plakatives Handeln, sondern durchaus auch subtilere und leisere Töne bedeutet.

PV: Was wäre Ihnen als kurze Aufklärung zu Ihrem Berufsfeld wichtig?

Dominas agieren in diesem Tätigkeitsfeld zumeist nicht aus Ermangelung an Möglichkeiten. Die meisten meiner Kolleginnen sind studiert, vielseitig aufgestellt und verfügen über die nötige Disziplin und Empathie um andere zu führen. Eine Domina wäre ein Segen für jede Human Resources Abteilung von Unternehmen.

PV: Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen? Was fasziniert Sie daran?

Wie ich eingangs schon erwähnte, liegen Kunst, Kultur, Musik und Sexualität nahe beieinander. Seit meinem 17.Lebensjahr bin ich in der Musikszene aktiv und bin ein sehr neugieriger und lernbereiter Charakter. Mit 26 Jahren begann ich mein Psychologiestudium an der Universität Hagen, das ich aber schon während des Erstsemesters schmiss, da ich in den Weiten des www eine Bekanntschaft machte, die für alles Weitere wegweisend war. Er, doppelt so alt wie ich, machte mir ein moralisch durchaus vertretbares Angebot. Und gepaart mit jugendlicher Leichtigkeit sowie einer großen Portion Neugierde lernte ich ziemlich schnell Männer physisch fertig zu machen. Wir besuchten einschlägige Clubs und einmal sprach mich ein Betreiber an, ob ich Lust hätte ab und zu gegen Bezahlung in seinem Club tätig zu sein. So ging das dann alles semiprofessionell los.

Was mich fasziniert und warum ich meinen Beruf immer noch so liebe: ich kam mit so vielen Kulturen zusammen, habe so viele Länder bereist und habe so bizarre Erlebnisse gehabt-das kann mir niemand mehr nehmen! Vielleicht hätte ich mit einem herkömmlichen Beruf in der Wirtschaft ein dickes Bankkonto, aber ich bezweifle, ob ich wirklich glücklich wäre. Oder um Sie konkret an Emotionalem teilhaben zu lassen: für mich setzt es Endorphine frei im Morgengrauen am Geländer eines Balkons des Hotels Brunellesci in Florenz ihr Spielzeug mit dem Gummiphallus ranzunehmen. Und der sagenhafte Ausblick dabei!....

PV: Was für Formen von Gewalt üben Sie aus?

Das ist ganz unterschiedlich und kommt auf mein Gegenüber an. Meine Gewalt ist nicht immer physisch, sondern durchaus auch psychisch. Zweiteres nenne ich „white collar torture“ , also weiße Folter. Beispielsweise kann die Macht der Stille Menschen aus dem Konzept bringen. Wir können nicht „nicht kommunizieren“. Stellen Sie sich vor: Sie gehen zu einer Domina und erwarten nun verbal gedemütigt zu werden. Aber genau das passiert nicht! Entweder schweigt Sie und beobachtet Sie oder gibt nur kurze knappe Anweisungen, die aber freundlich süffisant rüberkommen. Ich glaube, nackter kann man(n) sich nicht fühlen und im Nachhinein arbeitet es ordentlich im Hirn. Oder ich kontrolliere die Sexualität. Was meinen Sie, wie butterweich Männer werden können, wenn Frau Ihnen die Möglichkeit gibt selbstbestimmt an sich rumzuspielen?

PV: Welche Formen von Gewalt bevorzugen Ihre Klienten? Lässt sich eine Tendenz festlegen?

Jede Domina zieht durch ihr Auftreten ihre ganz eigene Zielgruppe an. Meine Klienten bevorzugen auch meine favorisierten Praktiken. Meine Klienten, im Fachjargon Gäste genannt, suche eine FLR, also eine Female Lead Relationship. Ein hübsches Mädchen im Fetishoutfit interessiert sie nur marginal, sie suchen eine erfahrene Alphafrau und durchaus das Gefühl der Angst und des Unberechenbaren.

PV: Gibt es für Sie hierbei Grenzen? Welche Formen der Gewalt sind für Sie ein Tabu?

In erster Linie Respektlosigkeit. Wenn ich schon beim Erstkontakt merke, dass für die Person SM die Abkürzung für „So, Mach!“ ist, nehme ich den Klienten nicht an. Ich bin nicht die persönliche Entertainerin, obwohl ich meine Tätigkeit durchaus (auch) als Dienstleistung sehe. Aber eben nicht um jeden Preis. An diversen Praktiken habe ich auch kein Interesse, ich bin also nicht tabulos! Und schlussendlich, wenn ich den Eindruck habe, dass mein Gegenüber hochmanipulativ und distanzlos ist und dieses Verhaltensmuster nicht ablegen kann. Und das Alkohol in diesem Spielfeld nichts zu suchen hat versteht sich von selbst….

PV: In den Bildern der Ausstellung wird vorrangig auf das „Opfer“ von Gewalt eingegangen. Wie sehen Sie die Rolle des Opfers, welches ja auch ihr Auftraggeber und Kunde ist?

Wissen sie, tagtäglich sind wir beides: Opfer und Täter. Lassen Sie es uns besser im Kontext „Macht und Ohnmacht“ sehen und nicht Opfer und Täter. Mein Gast möchte ja konsensuell in einem gewissen Zeitrahmen Ohnmacht spüren. Und dass diese Person wenn sie bei mir aus der Tür geht auch wieder Macht ausübt liegt in der Natur.

PV: Die Bilder der Ausstellung sind vorrangig weiß gehalten, auch Ihre eigene Webseite ist weiß inszeniert. Klischeehaft denkt man vielleicht bei Gewalt eher an schwarz und rot. Was verbindet Sie mit dieser Farbe?

Rein farbpsychologisch gesehen gilt weiß als die vollkommende Farbe und symbolisiert Licht, Glauben, den Anfang, das Neue, die Wahrheit und Genauigkeit. Letzteren Punkt sagen meine Gäste oft über mich. Nach ihren Empfindungen agiere ich mathematisch genau und habe ein immenses Gespür was geht und was nicht. Zudem kommt die Farbe weiß nur hochwertig zur Geltung. Drucken Sie mal weiß auf günstig dünnem Zeitungspapier, es wird schmutzig grau. Ich trage hochwertige Kleidung, agiere nicht billig und gestalte die Session als etwas Besonderes.

Ambivalent dazu gilt weiß auch als kalt und strahlt Gefühlskälte aus. Ich kann nach außen hin meine Gefühlsregungen einfrieren. Das ist von beiden Beteiligten erwünscht.

Schwarz war übrigens in den ersten Jahren meiner Tätigkeit auch meine Homepage. Ich färbte mir auch die Haare schwarz. Kurzum entsprach ich dem gängigen Klischee von Dunkelheit, Schmutz, Tod, Leere und Einsamkeit. Das habe ich komplett abgelegt.

PV: Letzte Frage: Was denken Sie als dominante Frau über die Rolle von Frau und Mann in der heutigen Zeit?

Sehr ambivalent! Die Frau hat heute sehr viel mehr Macht als früher! Dafür bedarf es keiner Quotenregelung oder vorgeschobenen Feminismus, was mich persönlich auch abschreckt.

Frauen haben die Möglichkeit top ausgebildet und beruflich erfolgreich zu sein, zudem Kinder zu gebären und groß zu ziehen. Rein biologisch benötigen sie dazu außer zum Akt der Zeugung keinen Mann( und auch das lässt sich medizinisch mittlerweise alternativ lösen)Heute hat sich meiner Meinung nach die Rolle des Mannes als alleiniger Ernährer der Familie erledigt, er fühlt sich quasi „nicht gebraucht“ wenn er keine sozialkompetenten Skills mitbringt. Je nachdem, nach welchem Leitbild er erzogen worden ist kann ihn das in eine Krise stürzen. Daher liegt es meines Erachtens an der Frau den Mann dort abzuholen, wo er gerade steht. Ich schätze diesbezüglich den Satz: Die Frau folgt dem Mann, wohin sie will...

Ich glaube an das Mysterium des Lebens.
Ich glaube an die Gewalt der Liebe und der Untreue.
Ich glaube an das schmerzliche Unberechenbare unseres Tuns.

Max Frisch